Chronik der Merianschule zur 100-Jahr-Feier 1996 Seite 1


 

 

Philipp Merian

1773 - 1848

Der Namensgeber der Schule

 

Wird der Name Merian-Schule erwähnt, so fällt dem gebildeten Zeitgenossen sofort der berühmte Basler Kupferstecher Matthäus Merian ein, der ja in seiner "Topographia Alsatiae" auch die Stadt Freiburg abgebildet hat, allenfalls wird noch Maria Sybilla Merian, seine Tochter, als Namensgeberin der Schule vermutet, aber den wirklichen Namenspatron, Philipp Merian, kennen die wenigsten. Wer war dieser Mann, dessen Andenken in Freiburg im Namen einer Schule und dem einer Straße fortlebt?

Bereits im Jahre 1866 wurde die Straße, die vom Rathaus aus nach Nordosten führt, nach ihm benannt. Zur Begründung für die Ehrung nannte der Stadtarchivar Adolf Poinsignon "die dankbare Erinnerung an den Städtischen Ehrenrat Philipp Merian, welcher die Summe von 180 000 Gulden zu Wohltätigkeitszwecken verschiedenster Art in Freiburg stiftete". Andere Quellen nennen sogar 270 000 Gulden - eine für damalige Verhältnisse enorme Summe - nach heutiger Kaufkraft wären es mehrere Millionen Mark.

Am 5. Mai 1773 wurde Philipp Merian als eines von acht Kindern eines wohlhabenden Kaufmanns in Basel geboren. Nach kurzem Universitätsbesuch in Freiburg wechselte er an die Bergakademie Freiberg in Sachsen, um dort Bergbau und Hüttenwesen zu studieren. Seine Studien vertiefte er auf mehreren Auslandsreisen. Während der Französischen Revolution hielt er sich in Paris auf. Nachdem er unverschuldet in Not geraten war und sein Vermögen verloren hatte, kehrte er nach Basel in den Schoß der Familie zurück, die ihn mit dem Startkapital für den Bau eines Eisenwerkes in Wehr am Hochrhein versah. Durch seine eigene erfolgreiche Unternehmertätigkeit schuf er den größten Teil seines bedeutenden Vermögens, zu dem noch einige Erbschaften hinzukamen.

Im Jahre 1818, im Alter von 45 Jahren, setzte sich der unverheiratete Merian als "Rentier" zur Ruhe und verlegte seinen Wohnsitz nach Freiburg, wohl weil hier seine Schwester Margaretha, die mit dem Freiburger Kanzleirat von Gillmann verheiratet war, lebte.

Merian erwarb in Freiburg in kurzer Zeit aufgrund seiner regen Stiftungstätigkeit großes Ansehen. Mit einer Schenkung von 2 500 Gulden begann er sein wohltätiges Wirken in der Stadt - durch seine "oeconomischen Verhältnisse ... frühe schon auf(gefordert), (s)eine Blicke auf diejenigen Teile der Menschheit zu werfen, der vom Glücke weniger begünstigt, seine Lage im Kampfe mit dem harten Geschicke verleben muß", wie er selbst äußerte. Merian wollte dafür sorgen, daß auch "Individuen, sowohl einheimisch, als auch fremd, welche aus Schamgefühl nicht öffentlich dafür angesehen sein wollen, daß sie mit der Not kämpfen", Unterstützung zuteil wurde.

Für 14 100 Gulden kaufte er 1825 das alte Schneckenwirtshaus am Münsterplatz, das seit 1817 der Museumsgesellschaft gehört hatte, und übergab es der Städtischen Waisenanstalt, deren bisherige Unterkunft in der Löwengasse nicht mehr ausreichte. Für 4 000 Gulden kaufte er im Jahre 1843 zur Erweiterung noch das Nachbarhaus an der Engelstraße und beglich weiterhin die anfallenden Abgaben und Steuerverpflichtungen. Bis 1894 wurden die Baulichkeiten als Waisenhaus genutzt, 1911 wurde hier die Stadtbücherei eingerichtet, die nach der Zerstörung 1944 völlig neu wiederaufgebaut wurde. Im Namen Waisenhausgässle lebt die Erinnerung an diese Meriansche Schenkung fort.

Zahlreiche weitere Stiftungen im Wert von insgesamt über 100 000 Gulden ließ Philipp Merian den weniger Begüterten und den Benachteiligten der Stadt Freiburg zukommen (vgl. Liste der Stiftungen).

Die Stiftertätigkeit des Protestanten Merian war, ebenso wie die des katholischen Priester Sautier, immer überkonfessionell. Daß evangelische Waisen im katholischen Waisenhaus lebten, war für Merian im Jahre 1844 Anlaß seiner Waisenhaus-Fonds-Stiftung. Merians Wirken beschränkte sich nicht auf finanzielle Zuwendungen für vom Schicksal weniger Begünstigte, er kümmerte sich auch ganz persönlich um das Wohl der Waisenhauszöglinge, wie die Stadtgeschichte von 1992 berichtet. So beantragte er 1831 eine Untersuchung gegen die Waisenhausvorsteherin, da er sie verdächtigte, die Kinder zu mißhandeln. Bei seinen Besuchen im Waisenhaus war ihm ein "trübes, scheues und dumpfes Wesen" an ihnen aufgefallen. Außerdem hatten ihm "achtenswerthe Personen" über die Mißstände berichtet. Merian zog seinen Untersuchungsantrag jedoch zurück, als die Vorsteherin des Waisenhaus von kirchlicher Seite Rückhalt bekam. Allerdings konnte er offenbar doch seinen Einfluß geltend machen, denn die Stelle wurde ein Jahr später mit einer Person besetzt, die er schätzte.

1824 trug Merian dem Magistrat seinen Plan vor, vor dem barocken Christophstor ein Haus zu bauen, und bat ihn, ihm zu diesem Zweck auch das Christophstor zum Abbruch zu verkaufen. Dieses Tor hatte sich seit längerem als Hindernis für den Verkehr erwiesen. Bereits 1785 waren mehrere Heuwagen unter dem Christophstor steckengeblieben, mit der Folge, daß "weder Menschen noch Vieh" passieren konnten. "Damals hatte sich der Stadtrat gezwungen gesehen, jenen mit "drei Tagen Turm" zu drohen, die ihren Wagen nach Breite und Höhe überlüden."

Der Magistrat stimmte Merians Bitte zu, und so konnte Kreisbaumeister Arnold, Neffe und Schüler des berühmten Architekten Weinbrenner, bereits 1826 das klassizistische Haus, das noch heute einen markanten Punkt im Norden der Altstadt bildet und lange Zeit als AEG-Haus bekannt war, erbauen.

Nach der Zerstörung am 27. November 1944 wurde es rasch wieder aufgebaut und gehört heute zum Baukomplex "Zähringer Tor".


Daß der alleinstehende Merian sich dieses Haus, das 16 Zimmer, zwei runde Säle und eine Orangerie besaß, im Alter von 53 Jahren hat bauen lassen, wirft die Frage auf, welche Zukunftspläne er wohl zu diesem Zeitpunkt gehegt haben mag. Er blieb alleine und verkaufte bereits nach 15 Jahren das Gebäude, das dann 1853 in den Besitz der Familie Sautier kam, deren Wappen es noch heute trägt. Merian zog in die Stephanienvorstadt hinter dem Martinstor.

Im Juli 1848 starb Philipp Merian in Basel, wohin er sich wegen der Wirren der badischen Revolution zu einem kurzen Aufenthalt zurückgezogen hatte.

Die Verteilung seines Nachlasses hatte er in seinem Testament von 1848 bis in kleinste Details geregelt. Über 150 000 Gulden ließ er allein den Freiburger Stiftungen zukommen. Während sich seine Verwandtschaft, mit der er in gutem Einvernehmen lebte, mit persönlichen Erinnerungswerten zufrieden geben mußte, da er der Meinung war, daß sie ohnehin "von Gottes Güte so sehr gesegnet" seien, bedachte er seine Dienstboten und Bedürftige mit Legaten, wie etwa die taubstumme, ledige Tochter des Spitalverwalters, F. X. Mörder (sie erhielt 3 000 Gulden). Seine Haushälterin, Magdalena Koch aus Waldshut, sollte "von den vorhandenen Weinen ... zwanzig Ohmen oder 2 000 Maaß nach ihrer freien Auswahl, nebst zwanzig fünf Ohmen leere Fässer, alter Wein in Bouteillen, und alle gebrannten Wasser" erhalten.

Die Stadt Freiburg verehrte ihren größten Wohltäter bereits zu Lebzeiten, indem sie ihn 1824 zu ihrem Ehrenbürger und im darauffolgenden Jahr zum Ehrenrat und Ehrenmitglied aller Stiftungskommissionen ernannte.

Auch der Großherzog von Baden würdigte Philipp Merian mit mehreren hohen Orden.

Die Merianschen Stiftungen

1. Die Stiftung zur Unterstützung armer hiesiger Einwohner

2. Der Unterstützungsfonds für Hauszins (4 000 Gulden) - Mietzuschüsse für Bedürftige aus den Zinsen

3. Die Stiftung für 20 arme und gebrechliche Dienstboten beiderlei Geschlechts (30 000 Gulden)

4. Die Sparsuppenstiftung mit 12 000 Gulden zur Ausgabe einer Suppe "von guter und nahrhafter Beschaffenheit" an "hier ansässige arme Einwohner ohne Unterschied

der Konfession, welche keine Unterstützung aus dem hiesigen Armenfonds genießen und wenigstens ein Jahr in Freiburg wohnen, dann aber auch stille, unbemittel-

te hiesige Familien ..."

5. Die Waisenhaus-Fonds-Stiftung über 24 000 Gulden

6. Die Zustiftung zur Sautier-Reibeltschen Ausbildungsstiftung für die Ausbildung armer, aber talentierter Knaben und Mädchen beider Konfessionen über 34 000 Gul-

den, die auf Wunsch Merians "Sautier-Reibelt-Meriansche Stiftung" genannt wurde

7. Die Philipp Merianschen Schulstiftungen mit 16 000 Gulden zur Unterstützung fleißiger und gut gesitteter armer Schüler, ohne Unterschied der Konfession, mit Kleidung

und Schuhen

8. Die Philipp Meriansche Gedächtnisstiftung mit 4000 Gulden für hiesige "Hausarme"

9. Die Stipendienstiftung für zwei arme Studenten der Universität Freiburg mit

5000 Gulden.

Eine Reihe weiterer Stiftungen erhielten Zuwendungen von Philipp Merian; so schenkte er der Städtischen Witwen- und Waisenkasse 10 000 Gulden.


Quellen:

- Hartmann, Michaela, Schlaglicht: Philipp Merian, in: Heiko Haumann, Hans Schadek

- u.a., Geschichte der Stadt Freiburg, Band 3, S. 112 ff.

- Kalchthaler, Peter, Ein gebürtiger Basler wird zum Wohltäter Freiburgs, in: Badische

- Zeitung vom 27.6.1994

- Artikel der Badischen Zeitung ohne Autoren- und Datumsangabe


OStR´in Maria Klahm-Rauscher

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